9. April 2026
NATURBEOBACHTER AUS DER REGION
Der Schlüssel zum Himmelstor
Joachim Schmitz
Botanisch heißt die Frühlings- oder Wiesen-Schlüsselblume Primula veris. Primula ist die Verkleinerungsform von lat. prima (= die Erste), heißt also soviel wie „kleine Erste“. Das bezieht sich auf die frühe Blütezeit im Frühjahr.
Die zu einer Seite ausgerichteten Blüten des traubigen Blütenstands haben Menschen schon früh an den Bart eines Schlüssels erinnert. Bei den Kelten schloss die Weiße Göttin Birgit damit im Frühling den Himmel auf. Dementsprechend galt den Kelten die Pflanze als heilig.
Für die christlichen Missionare war das natürlich heidnisches Teufelszeug. Sie konnten den Volksglauben an die Heiligkeit der Pflanze aber nicht unterbinden. So kamen sie auf die Idee, den Mythos im christlichen Sinne umzudeuten. Jetzt wurde sie zu Petrus‘ Schlüssel, mit dem er frommen Seelen das Tor zum Himmel aufschloss. Daraus resultierte der Name Himmelsschlüssel, der sich schon im althochdeutschen „himilsluzzil“ findet, bei Hildegard von Bingen „Hymelslozel“.
Es liegt nahe, dass einer heiligen Pflanze auch magische, insbesondere medizinische Wirkungen zugesprochen wurden. Ein Sud aus dem Wurzelstock schäumt auf, was mit ein Bisschen Fantasie wie schleimiger Auswurf aussieht. Nach der mittelalterlichen Signaturlehre schloss man daraus auf eine schleimlösende Wirkung bei Erkrankung der Atemwege. Nach Merkmalen einer Pflanze auf ihre Wirkung zu schließen, konnte auch schwer danebengehen. So hat man dem Leberblümchen aufgrund der dreiteiligen Blätter eine Wirkung bei Leberleiden zugeschrieben. Tatsächlich enthält die Art ein Lebergift! Bei der Schlüsselblume hatte man mehr Glück. In ihr konnten Saponine nachgewiesen werden, die tatsächlich schleimlösend wirken. Pharmazeutisch heißt die Droge aus dem Wurzelstock Primulae radix. Selbst die Blüten mit Kelchblättern (Primulae flos cum calycibus) sind verwendbar und schmecken viel besser als der bittere Wurzelsud. Man kann die als Tee oder alkoholischen Extrakt („Schlüsselblumenwein“) zubereiten. In England macht man aus den Blüten mit Zucker und Zitronensaft den „Cowslip wine“.
Eine Wiese voll Primeln bei Bad Münstereifel.Die nächstverwandte Hohe oder Wald-Schlüsselblume (Primula elatior) blüht früher und hat etwas blassere gelbe Blüten. Entsprechend den Namen bevorzugt die Wiesen-Schlüsselblume eher magere Wiesen und die Wald-Schlüsselblume nährstoffreichere Auwälder. In ihren Inhaltsstoffen und ihren Anwendungen gleichen sie sich allerdings vollständig. Deshalb wurden sie in vielen Regionen im Volksmund gar nicht unterschieden.
Beide Arten stehen in Deutschland unter Naturschutz. Wer das mal mit den Blüten ausprobieren will, sollte sie also nicht in der Natur sammeln. Die Wiesen-Schlüsselblume gehört heute auch zum Sortiment von Staudengärtnereien. Die getrockneten Blüten findet man vielleicht auch in einschlägigen Kräuterdrogerien.
zuletzt bearbeitet am 1.V.2026