22. Jan. 2026

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Verwilderte Schneeglöckchen

Joachim Schmitz

Das Gewöhnliche Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) ist inzwischen so häufig, dass viele Leute die Art für einheimisch halten. Das stimmt aber nur bedingt. Das hängt davon ab, was man halt unter Heimat versteht. Ursprünglich wild sind die Vorkommen im süddeutschen Voralpenraum. Alles nördlich davon sind ausgebüxte Gartenpflanzen. Die Art verwildert sehr leicht, weil den Samen ein Ölkörper (Elaiosom) anheftet. Ameisen sind da ganz spitz drauf und schleppen das in ihren Bau. Auf dem Weg dahin fällt dann der eigentliche Same ab und sorgt so für die Verbreitung der Art. Einmal etabliert, vermehren sich die Pflanzen durch zahlreiche Brutzwiebeln. So entsteht das typische Wuchsmuster. Viele Pflanzen wachsen in einem dichten Pulk, die Pulke sind aber immer deutlich voneinander entfernt.

Das Gewöhnliche Schneeglöckchen greift am weitesten nach Westen aus. Die meisten Arten der Gattung stammen aus dem nahen und inneren Asien und kommen bei uns allenfalls als verwilderte Kulturpflanzen vor.

Das Woronow-Schneeglöckchen (Galanthus woronowii) hat seine Heimat im Kaukasus. Die Blätter sind ziemlich breit und reingrün, also in keiner Weise irgendwie bläulich überlaufen. Die Art habe ich bisher nur einmal auf dem Aachener Westfriedhof gefunden. Offensichtlich stammte das aus einer Grabbepflanzung. Das Grab ist längst aufgehoben, aber die Population hat sich inzwischen auch auf die benachbarte Böschung ausgebreitet. Nach dem Zierpflanzen-ROTHMALER (2008) gehören zu dieser Art auch Pflanzen, die fälschlicherweise unter dem Namen G. ikariae verkauft werden.

Dass in Friedhöfen und Parks schon mal Zierpflanzen verwildern, ist nicht so überraschend. Richtig erstaunt war ich aber, als ich voriges Jahr an der Wurm bei Frelenberg das Faltblatt-Schneeglöckchen (Galanthus plicatus) gefunden habe. Die Vermutung liegt nahe. dass es mit einem Hochwasser der Wurm angeschwemmt wurde. Die natürliche Verbreitung reicht von Rumänien über die Türkei bis in die Krim. Vom Gewöhnlichen Schneeglöckchen unterscheidet sich die Art durch den viel größeren Wuchs und die an der Mittelrippe und nahe der Seitenränder gefalteten Blätter.

Woronow- und Faltblatt-Schneeglöckchen werden außer von Spezialgärtnereien nur selten im Handel angeboten. Viel häufiger wurde Elwes-Schneeglöckchen (G. elwesii) verkauft, auch wieder, weil die Art größere Blüten als das Gewöhnliche Schneeglöckchen hat. Deswegen hätte ich viel eher Verwilderungen dieser Art erwartet. Aber bisher habe ich nichts gefunden. Anscheinend kommt die Art mit den milden und ziemlich feuchten Wintern bei uns nicht zurecht.

Aus Bayern und Brandenburg werden auch seltene und unbeständige Verwilderungen von Alpen-, Foster-, Zierlichem und Rize-Schneeglöckchen berichtet.

Das Faltblatt-Schneeglöckchen wird auch Clusius-Schneeglöckchen genannt.

 

voriger Artikel ← | → nächster Artikel

Auswahl nach Erscheinungsdatum

Auswahl nach Themenstichwort

Startseite

zuletzt bearbeitet am 3.II.2026