29. Jan. 2026

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Das Gute besser machen durch Veredelungen

Karl Josef Strank

Viele kennen sicher noch den Ausspruch Goethes: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Der Naturphilosoph Rousseau prägte für die Indigenen Nordamerikas den Begriff des „edlen Wilden“. Edles Verhalten und Tun war erstrebenswert. Das machte auch vor den Pflanzen nicht halt. Ausdruck dessen ist das Züchten besonderer Sorten und bei Gehölzen, insbesondere Obstbäumen, spricht man von Veredelungen und meint damit die gärtnerische Technik der Pfropfung. Diese ist sehr alt und schon die Römer beschrieben das sehr ausführlich in den agrarischen Werken. Die Pfropfung ist aber nichts anderes als eine Klonierung, die identische Weitergabe der Eigenschaften eines Obstbaums, der als „edel“, robust, wüchsig, großfruchtig, schmackhaft, lagerfähig, was auch immer erkannt und begutachtet worden ist. Sie dient der schnelleren Verbreitung. Neue Sorten entstehen nur auf natürlichem (sprich: genetischem) Weg durch Befruchtung, d.h. die Kombination mütter- und väterlicher Eigenschaften und anschließende Aussaat der Kerne.

Als „edle“ Herren hatten Fürsten und Könige ein Faible für Veredelungen. In den schlossnahen Küchengärten wetteiferten sie um die neuesten und besten Sorten. Aus diesen pflanzlichen Sch(m)atzkammern kredenzten sie ihren Gästen das, was ein Heer von Gärtnern anzog. Die hohen Herrschaften wetteiferten geradezu darum, wer die neuesten „Errungenschaften“ in seinem Garten präsentieren konnte. Für die Obstgehölze machte schon Karl der Große im Capitulare de villis die Vorgaben. Entsprechend seiner überaus prächtigen Lebens- und Machtentfaltung fiel der Küchengarten Ludwigs XIV. in Versailles nicht minder üppig aus. Unmengen von Obstgehölzen, aus Platzgründen im Spalier gezogen, Gemüse- und Kräuterbeete, versteckt hinter dichten Hecken und Mauern, machen noch heute einen großen Teil des Parks von Versailles aus. Friedrich der Große hatte eine Vorliebe für Kirschen. Die Gegend um Werder an der Havel in Brandenburg ist heute ein Eldorado für Kirschenvielfalt.

Obstgehölze aus einer Baumschule sind in der Regel veredelt. Als erstes auf eine Wurzelunterlage, die bestimmt, ob der künftige Baum weniger oder stark wächst. Hochstämme brauchen kräftige Wurzeln, Spindel-, Spalier- und Buschbäume schwache. Die Hauptveredlung betrifft die Krone. Unter dem Namen des Edelreises ist der Baum im Handel. Sorten, die schöne, glatte und gerade Stämme bilden, werden oft noch dazwischen veredelt. Die Edelreiser, wie ein Bleistift oder der kleine Finger dick, werden jetzt im ausgehenden Winter geschnitten. Es müssen reine Laubtriebe sein, lang mit weitem Knospenabstand. Ein einfacher schräger Schnitt an der Unterlage und am Edelreis genügen. Dann legt man beide Flächen so aufeinander, dass die Rindenbereiche, in denen sich die lebenden Zellen befinden, miteinander Kontakt haben. Diese wird mit Parafilm, einem dehnbaren, elastischen Kunststoffband, umwickelt. Beim Laubaustrieb im Frühjahr wachsen, wenn alles gut geht, Reis und Unterlage problemlos zusammen.

 

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zuletzt bearbeitet am 3.II.2026