16. April 2020

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Die ersten Schmetterlinge des Jahres fliegen schon

 Joachim Schmitz

Haben Sie schon ihren ersten Schmetterling in diesem Jahr gesehen? Ich habe bereits Zitronenfalter und Kleinen Fuchs gesehen. Wie schaffen die das, so früh schon als erwachsene Schmetterlinge zu erscheinen?

Normalerweise überwintern Schmetterlinge als Ei oder, wie die meisten Insekten, als Larve, die man bei Schmetterlingen Raupe nennt. Das braucht seine Zeit und deswegen ist der Höhepunkt der Schmetterlingssaison der Hochsommer. Manche Arten haben eine sehr kurze Entwicklungszeit und kriegen sogar zwei Generationen pro Jahr durch. Beim Kleinen Landkärtchen sehen die auch noch verschieden aus. Der Fachausdruck für dieses Phänomen ist Saisondimorphismus.

Es gibt aber auch Arten, die im Herbst geschlüpft sind und als Falter überwintern. Neben den eingangs genannten Arten sind das z.B. Tagpfauenauge und C-Falter. Für Eier oder Raupen ist es viel einfacher, Verstecke zu finden, die sowohl vor Fressfeinden wie vor Kälte geschützt sind. Das ist für erwachsene Falter natürlich viel schwieriger, zumal, wenn sie so auffällig gefärbt sind wie die leuchtend gelben Männchen des Zitronenfalters.

Gerade diese Art ist aber besonders an die Überwinterung als erwachsene Tiere angepasst. Im Winter setzen die Tiere den Wassergehalt herab und reichern sich mit Frostschutzmittel an, u. a. den Mehrwertigen Alkoholen Glyzerin und Sorbit. Letzteres ist unter der Nummer E420 übrigens ein zugelassener Lebensmittelzusatz. Es wird besonders als Süßungsmittel in Diabetikerprodukten eingesetzt.

Bleibt die Frage, warum die Falter einen solchen Aufwand treiben und dabei sogar das Risiko eingehen, leichter von Fressfeinden gefunden zu werden. Der Grund liegt darin, dass sie der Konkurrenz um Nahrung aus dem Weg gehen. In der Hochsaison im Sommer fliegen fast alle Tagfalter. Dann ist die Konkurrenz um die Blüten groß. Wenn im Frühjahr Wiesen-Schaumkraut und Knoblauchsrauke blühen, haben Zitronenfalter und Co. die Blüten für sich.

Dasselbe gilt übrigens auch umgekehrt für die Pflanzen bei der Konkurrenz um die Bestäuber. Das bekannteste Beispiel ist die Herbst-Zeitlose. Während viele verwandte Zwiebelgewächse im Frühjahr blühen und um die Bestäuber im Wettbewerb stehen, blüht die Herbst-Zeitlose schon im Spätsommer im Jahr zuvor. Zu dieser Zeit ist die Konkurrenz wesentlich geringer.

Andere Schmetterlinge überwintern als Puppe. Sie vermeiden so das riskante Überwintern als erwachsener Falter, sind aber auch früh da, vielleicht 1-2 Wochen nach den Arten, die als Falter überwintern. Nach dieser Strategie verfahren z. B. Aurorafalter, Weißlinge und der Schwalbenschwanz.

Besonders eng ist die gegenseitige Anpassung von Aurorafalter und Wiesen-Schaumkraut. Die Falter sind wichtige Bestäuber des Schaumkrauts. Kurze Zeit später dient die Pflanze den Raupen als Futter.

Je nachdem, wo die Puppen überwintern, gibt es aber auch hier ein Risiko: Die Puppe des Schwalbenschwanzes ist mit einem Faden an einem Pflanzenstängel befestigt. In der Natur bleiben die alten Stängel lange genug stehen. Wo der Mensch in seinem Sinne „Ordnung“ schafft, indem er den Garten ausräumt, Böschungen beschneidet, Wegränder mäht usw., vernichtet er auch die Puppen. Das gilt als einer der Gründe, warum der Schwalbenschwanz bei uns so selten geworden ist.

 

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zuletzt bearbeitet am 9.VII.2020