30. April 2026

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Revolutionär: der Wardsche Kasten

Karola Dahmen

Dass am Ende einmal die Liebe eines britischen Naturforschers zum Farn und sein Interesse an Nachtfaltern dafür verantwortlich sein sollten, dass der Im- und Export exotischer Pflanzen von Grund auf revolutioniert werden würde, hätte niemand gedacht. Auch nicht, dass damit eine der folgenreichsten Entdeckungen auf dem Gebiet der Botanik einhergehen würde, die bewies, dass Pflanzen durchaus in der Lage sind, unter künstlich geschaffenen Mikroklimabedingungen zu wachsen. Eine Entdeckung, die ihrerseits im 20. und 21. Jahrhundert Forschungsprojekte wie Biosphäre 2 (USA) und Bios-3 (UDSSR) ins Leben rief, die als Vorbereitungen für das Errichten von Gewächshäusern auf dem Mond anzusehen sind. All dies hätte niemand gedacht. Am wenigsten wohl Nathaniel Bagshaw Ward (1791-1868) selbst.

Der erste Kasten

Nathaniel Ward, ein in London lebender Arzt, Entomologe und Botaniker, verzweifelte förmlich daran, dass es ihm in der stark belasteten Londoner Luft nicht gelingen wollte, Farn zu züchten. Per Zufall entdeckte er Ende der 20er-Jahre des 19. Jahrhunderts, dass auf dem Boden eines mit Erde gefüllten Glases, in das er die Puppe eines Nachtfalters gesperrt hatte, Gras und Farn zu sprießen begannen. Fasziniert beobachtete er die nächsten 4 Jahre über, dass ausgerechnet der Farn in dieser in sich abgeschlossenen Atmosphäre überleben konnte und sogar gedieh. Der Anfang war gemacht. Die Geburtsstunde des Terrariums hatte geschlagen und mit ihr der Beweis, dass Pflanzen durchaus in der Lage sind, ohne äußeren Luftkontakt in einem geschlossenen System zu wachsen, sofern ihnen Licht zur Verfügung steht. Revolutionär! Doch Ward gab sich damit nicht zufrieden. Er wollte weitere Beweise und beauftragte einen Schreiner damit, ihm mehrere Kästen nach von ihm eigens konzipierten Plänen anzufertigen. Bepflanzt mit einheimischen Farnen und Gräsern, schickte er sie im Juli 1833 auf eine sechsmonatige Seereise nach Sydney, wo sie wohlauf ankamen. Gereinigt und mit australischen Wildpflanzen versehen, deren Transport bis dato immer wieder gescheitert war, traten sie erfolgreich die Rückreise an. Auch dies nicht nur ein Erfolg, sondern eine weitere Revolution, die für die nächsten 120 Jahre den Transport und Handel von exotischen Pflanzen grundlegend verändern und bestimmen sollte.

Ein Wardscher Kasten in Kew Gardens.

Farnsucht

Am Ende seines Lebens besaß Ward ein Gewächshaus mit über 25 000 Farnen aus aller Welt. Die meisten von ihnen werden in dem von ihm zum Patent angemeldeten Kasten transportiert worden sein. Reich war er dadurch nicht geworden. Berühmt eine Zeit lang. Immerhin gab es bald kaum einen Salon, der nicht eines seiner in allen möglichen Variationen existierenden Minigewächshäuser beherbergte. Dass das aufkommende viktorianische Zeitalter von einer regelrechten Farnsucht (Pteridomanie) erfasst wurde, nun, das dürfte bis zu einem gewissen Grad auf Verständnis bei ihm gestoßen sein. Inflationär auftretende Darstellungen von Farnen auf Tapeten, Stoffen etc. erzählen heute davon. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

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zuletzt bearbeitet am 1.V.2026