30. Okt. 2025

NATURBEOBACHTER AUS DER REGION


Der Kartoffelkäfer – Gefräßiger Einwanderer aus Amerika

 Christina Paulson

Zur Zeit der Kartoffelernte denke ich oft an meine Kindheit in den 1960er Jahren zurück, als ich mit meinem Großvater auf dessen kleinem Kartoffelacker im Frühsommer Kartoffelkäfer und deren Larven absammeln und zertreten musste. Mit seinen auffälligen gelb-schwarzen Längsstreifen und dem rundlichen Körper ist der 10 – 12 mm große Kartoffelkäfer (Leptinotarsa decemlineata) gut zu erkennen und wirkt auf den ersten Blick harmlos. Doch dieser kleine Käfer kann enorme Schäden anrichten und gehört heute zu den gefürchtetsten Schädlingen in der Landwirtschaft.

Der Kartoffelkäfer stammt ursprünglich aus Mexiko und dem südwestlichen Teil der USA, wo er zunächst wilde Nachtschattengewächse (Solanaceae), insbesondere den Stachel-Nachtschatten (Solanum rostratum) fraß. Erst im 19. Jahrhundert entdeckte er die ebenfalls zu den Nachtschattengewächsen gehörige Kulturkartoffel (Solanum tuberosum) für sich: mit dramatischen Folgen! Denn mit der Kartoffel fand der Käfer eine ihm wohlschmeckende Pflanze in großflächigen Monokulturen vor, was ideale Bedingungen für seine massenhafte Vermehrung schuf.

Seine rasche Ausbreitung in Nordamerika begann etwa um 1850 und über den Schiffsverkehr gelangte er nach Europa. Die ersten dokumentierten Sichtungen in Europa stammen aus dem Jahr 1877 in den Hafenanlagen von Liverpool, Rotterdam sowie auch in Deutschland. Weil sie vom nordamerikanischen Colorado aus nach Europa gelangten, nennt man hierzulande den Kartoffelkäfer manchmal auch Colorado-Käfer. Zunächst konnte man diesen erfolgreich wieder ausrotten. Erst nach dem Ersten Weltkrieg – insbesondere in den 1920er- und 1930er-Jahren – breitete sich der Käfer stark in Frankreich, Belgien und anderen Ländern aus.

Ein entscheidender Wendepunkt für die Verbreitung des Schädlings war der Zweite Weltkrieg: In dieser Zeit kümmerte sich kein Mensch um Pflanzenschutzsysteme, wodurch sich der Kartoffelkäfer nahezu ungehindert in Europa verbreiten konnte. Bereits in den 1950er-Jahren war er in fast ganz Mitteleuropa heimisch. Die DDR betrachtete den sog. „Ami-Käfer“ zeitweise als „imperialistischen Schädling“: Es gab das Gerücht, die USA hätten den Käfer absichtlich über Ostdeutschland abgeworfen, um die dortige Landwirtschaft zu sabotieren. Diese Behauptung gilt heute allerdings als Propagandalüge.

Kartoffelkäfer gehören zur großen Familie der Blattkäfer (Chrysomelidae), mit rund 50.000 weltweit beschriebenen Arten. Allein in Deutschland gibt es über 470 Arten. Ihre Körper sind meist rundlich bis oval und die Deckflügel sind bunt gefärbt. Ein weiblicher Kartoffelkäfer kann während seiner Lebenszeit mehrere hundert Eier legen, meist auf der Blattunterseite der Wirtspflanze. Die orange-roten Larven schlüpfen nach wenigen Tagen und beginnen sofort mit der Nahrungsaufnahme. Der Kartoffelkäfer frisst bevorzugt die Blätter der Kartoffelpflanzen. Ganze Felder können innerhalb weniger Tage kahlgefressen werden, was die Ernteerträge massiv reduziert.

Die Käfer überwintern im Boden und tauchen im Frühjahr oft schon ab Temperaturen um die 15 Grad Celsius wieder auf. Fatalerweise hat der Kartoffelkäfer in Europa keine natürlichen Fressfeinde, denn bei Gefahr kann er ein unangenehm schmeckendes Wehrsekret ausscheiden.

Zur Bekämpfung des Kartoffelkäfers setzte man in der Anfangszeit chemische Insektizide wie DDT ein, später kamen moderne Mittel wie Pyrethroide zum Einsatz. Doch der Käfer zeigte sich anpassungsfähig: In vielen Regionen entwickelte er Resistenzen gegen zahlreiche Wirkstoffe, was den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln erschwert und teuer macht.

Alternative Bekämpfungsmethoden wie Fruchtwechsel, biologische Mittel (z. B. Bakterien wie Bacillus thuringiensis) oder das Absammeln der Käfer auf kleineren Feldern nutzt man heute, wie damals zu Zeiten meiner Kindheit, wieder verstärkt im biologischen Anbau. Dennoch bleibt der Kartoffelkäfer in vielen Regionen der Welt eine wirtschaftliche Bedrohung, vor allem infolge des Klimawandels.

 

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zuletzt bearbeitet am 5.XI.2025